Dorsetshire Timemachine

Als Dorsetshire 1994 mit ihrem Debut ‘Das letzte Gefecht’ in der deutschen Elektroszene auftauchten war schnell klar: Dies ist ein ganz besonderes Album. Und tatsächlich: bis heute funktioniert das Album mit seinem meisterlichen Zusammenspiel aus typischer elektronischer Kost dieser Zeit (im Stile älterer Das Ich, Skinny Puppy, Pitchies und ganz besonders Calva Y Nada), tollen Melodien, gelungenen, plakativen aber nicht vollkommen depperten Texten und einer knarzigen, nicht bis zur Unkenntlichkeit verzerrten Stimme. “Why me”, “Brothers & Sisters”, “Herzschlag”, “Blutiges Eis” und natürlich die “Straße der Verdammnis” – das Album sprudelte über vor Hits, die bis heute nichts von ihrem Zauber verloren haben. Es war bemerkenswert, wie professionell dieses Debut aus dem Nichts aufgetaucht war. Es war zu schön um wahr zu sein. Wirklich….

….und wäre ‘Das letzte Gefecht’ auch ein ebensolches “letztes” gewesen und Dorsetshire wären danach abgetaucht, es wäre aus meiner Sicht besser gewesen. Man hätte sich nun nach 24 Jahren, gerne zurückgemelden dürfen, das Album neu auflegen und mit Freunden eine Tour abhalten können und ich wäre ohne zu murren dabei gewesen. Doch es kam anders: 1996 erschien das Zweitwerk ‘Beast’, das mit Recht nur wenige kennen und die Wenigsten bis heute in Erinnerung haben. Warum? Nun, die Band wechselte damals den Stil, setzte auf E-Gitarren, Industrial-Sound und deutlich mehr englische Texte (wahrscheinlich um ein internationaleres Publikum anzusprechen). Dieses ‘Beast’ hatte nichts gemein mit dem Projekt Dorsetshire, das zwei Jahre zuvor unfassbar gut und präzise geliefert hatte: Stumpf, langweilig, die Texte zum Abgewöhnen und nicht ein einziger Hit. Das war eine andere Band, die man da vernahm. 1998 löste man sich auf und heute, 20 Jahre später will es Monaco X noch einmal wissen, setzte sich mit Kumpel Bruno Kramm (Das Ich) im Danse Massacre Studio zusammen und bringt die ‘Timemachine’ heraus – vorliegende EP.

Ich wollte mit dieser monumentalen Einleitung klar zeigen, dass ich in keinsten Fall eine EP einfach nur verreißen will. Meine Enttäuschung ist echt und baut sich vielschichtig auf. Das einleitende Titelstück stellt uns also Dorsetshire 3.0 vor: Kein Klock-Tschak-Elektro der frühen 90er, keine Industrial-Metal-Schrabbelei, nein, deutlich basslastiger Elektro, solide in der Programmierung mit einem Futurepoprefrain, den ich schon vergessen habe, bevor der Song ausklingt. Mann-o-mann ist das konturlose Belanglosigkeit. Wow. Und dafür ne Rückkehr? Dafür eine EP? Für über 15 Euronen? Nach 20 Jahren? Ach, es gibt sogar ein zweites Lied….? Immerhin beginnt “Vor all den Jahren” recht gut, weniger Bass, feiner Text, schicke, monotone Melodie irgendwo zwischen Dorsetshire 1.0 und vielleicht Sturmcafé. Ja, bis zum Refrain wäre dies ein würdiges Stück für ein vernünftiges Zweitwerk gewesen. Doch dann setzt ein deplaziert wirkender Popbanalrefrain aus der Vorhölle ein. Diese beiden neuen Songs zeigen auch deutlich, dass der knarzige Gesang seit 1994 etwas gelitten hat und das er zwar super zum alten, dünnen Sound gepasst hatte und dort sogar richtig begeistern konnte, gegen die bassgewaltigen und gut produzierten Klangwände vor allem in den Refrains aber nicht ankommt. Da brauch es einfach Stimme (Man denke an Covenant oder VNV Nation).

Es ist ein Graus. Qualitativ (nicht musikalisch) ist die EP ‘Timemachine’ deutlich mit ‘Beast’ verwandt und es stellt sich wie 1996 die Frage: Welche gute Fee hat Dorsetshire ‘Das letzte Gefecht’ geschenkt und warum ist sie danach weggeflattert? Eigentlich endet die EP damit fast schon, denn es folgen nur noch ein Remix des großen Klassikers “Strassen…”, der das Lied gekonnt verschlimmbessert, zwei Neuaufnahmen (“Strassen…” und “Herzschlag”), die halt Neuaufnahmen sind und damit so nötig wie ein Kropf und schließlich noch ein Remix des Titelstücks “Timemachine” mit trancigem Sound und dem Versuch, ohne voluminöses Soundgewand und nur durch Knarzegesang die Dramatik des Refrains einzufangen (Misslungen). Sollte die EP nur als Grund dienen, um Live-Aktivität zu rechtfertigen: Eine Neuauflage des alten Meisterwerkes in einer hübschen Box hätte mehr als ausgereicht…. Nein, es wäre sogar deutlich erfreulicher gewesen. Sollte ‘Timemachine’ aber als Androhung eines dritten Albums dienen: bitte nicht! Bitte bitte.

Facts:

Label:
Danse Macabre

Mediatype:
EP

Genre:
Electronic / Industrial / Noise

Review-Datum:
26.06.2018

VÖ-Datum:
22.06.2018

Leserwertungen:
2

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Autor:
Horrschd

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Horrschd hat bereits 637 Reviews für den Medienkonverter verfasst und die Durschnittsbewertung beträgt 3,5 Sterne.Das Fazit von Horrschd zu diesem Review lautet: Unbesondere Rückkehr eines Projektes, auf das wohl niemand wirklich wartete. 2018-06-26 2 1

Tracklist:

01. Timemachine
02. Vor All Den Jahren
03. Strasse Der Verdammnis
04. Herzschlag
05. Strasse Der Verdammnis (gefechts Version)
06. Timemachine (u(h)rversion)

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