Na, an was denkt ihr, wenn ich von am Mittelalter orientiertem, skandinavischen Folk spreche? Fröhliche, etwas zu positiv konnotierte Folklore zum mitwippen? Ambientartige Rituale wie bei Heilung oder Wardruna? Moirai werden euch überraschen – eventuell sogar positiv. Dann aber gehört ihr zu einer sehr kleinen, übersichtlichen Zielgruppe (oder zu einer Szene, von der ich definitv keine Ahnung habe). Denn das Trio, das sich trotz amerikanischer, französischer und schweizer Herkunft thematisch und sprachlich mit mittelalterlicher, isländischer Dichtkunst auseinandersetzt (dabei aber auch Querverweise auf z.B. die Nibelungen Sage wagen) geht so beeindruckend minimalistisch vor, dass ich mich als Hörer eher fühle, als würde ich den Soundtrack zu einem Arthouse Film im Stile von The Northman lauschen. Das kann eine tolle Erfahrung sein, aber auch nur, wenn man zum einen in der richtigen Stimmung und mit viel Zeit gesegnet ist, zum anderen aber auch die Musik, die Texte und Hintergründe als Gesamtwerk beachtet. Ganz so wie bei einem Soundtrack eben. Wie beginnt man die Arbeiten an einem Musikalbum? Die wenigsten Musiker werden diese Frage damit beantworten, dass man nach Reykjavik reiste, um den Codes Regius aus dem 13. Jahrhundert zu studieren und sich auch mit unterschiedlichen Formen isländischer Dichtkunst zu befassen. So aber tat es das Trio, das sich laut Bandcamp in Basel verortet, und herausgekommen ist dabei eine akustische Herausforderung (positiv wie negativ). Die instrumentale Begleitung durch Lure, Flöten und skandinavisch klingendem Streichwerk ist dezent eingesetzt. Meist hört man nicht mehr als eines der Instrumente und diese begleiten den Gesang auch mehr, als dass sie eine Melodie wiedergeben. Dabei ist die Aufnahme kristallklar, ganz so, als ob man mit den drei Musikern in einem kleinen, von der Umgebung abgeschotteten Raum zusammensitzt, wodurch man auch genau hört, wenn Töne (vermutlich absichtlich) nicht sauber gespielt werden. So ist es auch mit dem Gesang, der von den beiden Damen eher klassisch vorgetragen klar im Zentrum des Albums steht – kein Wunder, legen die Künstler doch deutlich Wert darauf, dass die vorgetragenen Texte im Zentrum ihres Schaffens stehen. Und so ordnen sich Hörbarkeit und Spannung den isländischen Texten unter und ohne Lektüre der 20seitigen Beilage ist man als Hörer recht allein gelassen. Aber selbst mit Geschriebenem als Unterstützung muss man sich in der Thematik wiederfinden und Freude haben an der erarbeiteten Reimform. Ich gehöre nicht zu dieser Gruppe. Ich höre das Werk als Album und rein musikalisch werden die 74 Minuten eher zur Herausforderung. Ich fühle mich an Xasthurs letztes Werk erinnert, bei dem man auch nicht wusste, ob den Musikern zu Beginn eines Songs klar ist, wie lange der Track werden könnte und wohin man mit der Melodieidee möchte. Damit tue ich aber Moirai Unrecht. Es wird textlich Sinn ergeben, dass ein Song knapp drei Minuten dauert und ein anderer 17, ohne dass sich beide musikalisch groß unterscheiden würden. Oder warum mit „At Gunnars höllo“ plötzlich ein traditionell klingendes, rein instrumentales Stück skandinavischen Folks auftaucht und wie herausgerissen aus dem restlichen Geschehen unbequem Platz findet. Dies ist deutlich kein Verriss, wohl aber meine Kapitulation – ich werde deswegen diese Zeilen ohne Bewertung beenden.

Moirai - Blood Treasure, Woven Fates Kunsthall Produktionen / 05.08.2022

https://moirai-ensemble.bandcamp.com/album/blood-treasure-woven-fates

  1. Völuspá I
  2. Sigrdrífa
  3. Rúnar
  4. Brynhildr ok Sigurðr
  5. Guðrún
  6. Eiða svarna
  7. Helreið
  8. At Gunnars höllo
  9. Atli
  10. Völuspá II