Richard Lederer ist zurück. Oder war es zumindest im letzten Jahr. Denn da kam Album Nummer fünf seines düster-elektronischen Projektes Ice Ages heraus. Und ich hab‘s verpasst. Liegt einerseits sicherlich daran, dass ich einfach niemandem im Netz folge, weil mich die Informationsflut überfordert und mir die Lust nimmt. Es liegt aber auch daran, dass Lederer Ice Ages unfreiwillig im Eigenvertrieb veröffentlicht und dadurch wenig(er) Beachtung auf größeren Plattformen erhält. Und mit Abstrichen gilt für ‚Vibe of scorn‘ das gleiche wie für den großartigen Vorgänger: Vollkommen zu Unrecht kennen so wenige das Projekt! Der in Wien lebende Musiker, der als Teil der epischen Tolkien-Bekreischer Summoning eine recht große Fangemeinde um sich scharrte und auch mit den neo-klassischen „Verbannten Kinder Evas“ Feines auf dem Keyboard zauberte, hat sich einem so wunderbar düsteren Dark Electro verschworen, dass ich mir wünschen würde, einige größere Namen würden sich auf diese dröhnend-kratzigen Sounds zurückbesinnen. Denn statt Utz-Utz Dauerbeats und immergleiche und oft zu glatt gebügelte Hellectro-Soundscapes, die, wenn man vom Kreischen absieht, irgendwo zwischen Rave und Eurodance pendeln, bekommt man hier vor allem verhallt-verzerrtes Gewummer geboten. Was ich an alten Suicide Commando so liebte setzen Ice Ages auf ihre Art fort. Als würden ständig Schrankwände umkippen und gegen Heizungsrohre schlagen: der Hörer wird in den Sessel gedrückt und es entsteht ausreichend Raum für die monotonen, einsam wirkenden Klanglandschaften und elektronische Vibrationen. Ice Ages sind wie ein zäh kriechender Terror, nicht unbedingt auf Tanzbarkeit getrimmt, sondern vielmehr für einsame, trostlose Tage geschaffen. Das 2000er ‚This killing emptiness‘ und das 2019er ‚Nullify‘ waren in meinen Ohren die stärksten Werke, die unter dem Banner Ice Ages veröffentlicht wurden und ‚Vibe of scorn‘ muss es sich gefallen lassen, wenn ich es in die zweite Reihe rücke. Denn bereits beginnend mit dem Albumcover, das ich nach dem Debüt für das am wenigsten gelungene halte, ist Lederer 2021 nicht ganz so auf der Überholspur, wie noch 2019. Alles klingt deutlich nach Ice Ages und es gibt auch keinen Ausfall in der Trackliste, aber es fehlen eben auch die besonderen Momente oder der große Knaller. „Degradation divine“ kommt dem in meinen Ohren am nächsten, ein schön melodischer Track. ‚Vibe of scorn‘ ist ein weiteres gutes Album, übertrifft in meinen Ohren das meiste, was da in den letzten Jahren so im düsteren Elektrobereich auf die Hörerschaft losgelassen wurde. Aber wie auch schon beim letzten Summoning Album weiß ich einfach, dass Lederer noch viel mehr kann (oder bilde es mir als großer Fan zumindest ein). Die sieben Euro, die man bei Bandcamp investieren kann, lohnen sich für Freunde altmodischen Dark Elektros, der eher aus den 90ern zu stammen scheint, auf jeden Fall. Ich hätte im Nachhinein auch lieber die 15 Euro bei Sopor Aeternus gespart und hier in einen Silberling investiert. Ich werde es wohl auch noch tun. Wer das Projekt noch nicht kennt, der fängt bei am besten bei den beiden erwähnten Meisterstücken an. Aber das hier ist eine schöne Ergänzung in der Diskographie – danke Richard!

Ice Ages – Vibe of scorn Eigenvertrieb / 05.07.2021

https://iceages.bandcamp.com/album/vibe-of-scorn-album

01 Tragic potion 02 Vibe of scorn 03 Tormented by gods 04 Degradation divine 05 As winter comes... 06 The extinction 07 Filthy cloud 08 Downfall